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SELBSTUNG
 
SELBSTUNG
© edition augenweide - Dürerring 12 - D 06406 BERNBURG - Tél/fax: 03471-319905 ©
 
NEWS der edition auf der frankfurter buchmesse vom 10.-15. oktober 2001 werden bücher der edition augenweide von der kunsthandlung IMAGO, wernigerode halle 4.1. R 525 präsentiert.
Ein neues buch liegt vor : SELBSTUNG - künstlerbuch 33. druck der edition augenweide
 
SELBSTUNG (Ein innerlicher Abri)
EDITION AUGENWEIDE 2001
es ist ein sehr aufwendiges buch, 30x21 cm, auflage 40 exemplare das buch wurde von rainer jacob, glebitzsch gebunden preis bei voraborder € 380 das buch wird auf der frankfurter buchmesse präsentiert.
INHALT :
ERGON (Vieux-Thann) 3 kollorierte siebdrucke auf gefärbtem bütten (E272) (E273) (E274)
Gerald NIGL (Wien) 3 zeichnungen/malereien auf transparentpapier, aufkaschiert sowie einbandvignette.
André SCHINKEL (Halle) 9 textsequenzen.
Ulrich TARLATT (Bernburg) 3 holzschnitte.
 
André Schinkel's 9 textsequenzen :
1 - Neuerdings, nachdem ich einige Jahre doch in der Hoffnung ver- brachte, man könne es irgendwie irgendwo mit mir meinen, vermehrt sich wieder und nun auf andere Art das Gefühl des Sich- abwendenwollens, und ich fühle mich bemüßigt, nach einem ver- läßlicheren Geleit als einem wie auch immer gearteten Leumund Ausschau zu halten. Ich habe begonnen, mir auf der Haut noch eine Haut anzulegen, aus Ton, möchte man meinen, der nun in der Sonne trocknet und reißt, trocknet und reißt, bis zum Wetterumschwung. In dieser Hülle bin ich ein Tapir, ein Mammut; man erkennt es nicht mehr genau. Auf meiner Tonhautoberfläche zeichnen Schabracken und Riefen, schrägstehende Riefen ein Bild von mir, mit dem ich, vielleicht, den Blitzlichtgewittern Schaulustiger, den Verheizern des alltäglichen talkshow sell-outs endlich entkomme. Ich binde die Zeilen meiner seltener werdenden Gedichte neuerdings straffer zusammen. Aber sie bekommen kein Gauklergesicht, ihre Riefung ist noch die echte, nur daß der Funke in ihnen langsam verlischt. Das ist, weil ich meinen Zuhörer verloren habe. Seitdem erübrigt sich ein Gesicht wie auch das Lamentieren. Ich will es nicht wahrhaben, vielleicht, aber ich bin vorsichtig geworden. Die Leuchtreklamen verstummen langsam im Hirn. Was mich am tiefsten berührt, darüber darunter liegt ein 'mesolithischer Dünkel'. Kein Hüttengrundriß, keine Abfallgrube, keine verfrühte Keramik. Selten ein Grab, in solch angeblich angestammter Gegend. Was wäre auch, ernstlich, von mir genommen.
2 - Im Zeitalter geläuterter Trunkenheit schrieb ich in mein Tagebuch dies ein: Der Sommer hat seine Regeln und läßt die alten Weiber ver- dursten. Das Grün ist verbrannt schon im Juni, die Igel sind nurmehr stachlige Hüllen, leer, ausgeleert, hohl, wie in glücklicheren Sommern Wespen Früchte auszulecken pflegten. In diesem Jahr aber sind selbst die Wespen verhungert, keine sucht mehr den Bau auf, der in der Hitze Feuer fängt und verbrennt wie altes Papier. Ich, eine letzte gefüllte Wabe, bemerke die Flammen, aber nichts läßt mich den Bau verlassen, nichts löscht das Nest, und in diesem heißdurstigen Ertrinken zieht das bunte Leben vorbei, das sich mir versagt hat. Ein Selbstporträt, das in seltsamer Tröstlichkeit das Entsetzen beschreibt: es ist dies die Starre, in der sich eine halb bequeme, halb apologetische Selbstentlastung versteckt, diejenige nämlich, daß man nichts tun kann. Dies fand statt vor einem Jahrzehnt. Heute bin ich aufgeregt und entsetzt: meine Bequemlichkeit habe ich eingebüßt und mich letztlich der bürokratischen Hektik, die mich umgibt, anheim gegeben und bin somit selbst, was ich niemals wollte, in das Gefüge gegeben, eine Arbeitsbiene, wer weiß, eine Verwaltungsameise ... und, was mir schlimmer erscheint: der visionär-erschrockenen Größe des einsamen Sandlöwen im Sandlöwentrichter für immer beraubt.
3 - Die Tage vergehn holzschnittartig, im Magermuster gebänderter, gezwickelter Scherben, im Gleichklang maßloser Erschöpfung. Ich verliere mich in Zukunftsängsten und mystisch-prähistorizistischen Geistesertüchtigungen. Insgeheim postuliere ich längst abgelegte oder noch gar nicht installierte Epochenkomplexe vor meinem inneren Auge, eine Winkel- und Schulterbandkeramik, einen epirössener Horizont, der gegen ein aus dem Südosten heranschwappendes, unbemaltes Lengyel IV oder V, denke ich, noch eine Weile besteht. Blumen am Rande der Eiszeit, versunkene Hinkelsteine, welch Metaphern für heutige Verfremdungsängste. Ich tue das nur, weil ich mir wünsche, die Affekt- und Gedankenkreise über den Steinzeitbüchern zu verstehn, zu begreifen, ein Eingeweiter zu sein, einer, dem es gelingt, in das Denk- und Sortierchaos eines verschrobenen Haufens vorzudringen, das sich wie ein Bergwinkel- und schulterbandkeramischer Scherben ausnimmt, aus dem sich nach jahrelangem Aneinanderhalten und Betrachten vielleicht Kümpfe und Butten, Zipfelschalen und Becher fügen, in einem Moment, der unaufmerksam oder unendlich gefüllt ist mit dem Genie des besessenen ancient restaurateur. Unter der Last von gewaltigen Foliant-Katalogen schwitze ich und habe schon mehrfach - beinahe - den Funken gefunden, der mich zum Forscher hätte werden lassen, in anderer Zeit. Immer, wenn mich der Augenblick hinreißen möchte, klingelt das Telefon, um mich zu beschimpfen, oder ein Postillion, der im Haus über mich alle Familien mit Paketen versorgt ... oder ein Kind weint oder zankt sich mit den Nachbarkindern im Hof ... und die Ablenkung gelingt nicht. Ich bin in den Niederungen meiner Kraft angelangt; und ich weiß, es ist nicht die Erkenntnis einer revolutionären Neu-Gliederung der Steinzeit, nach der ich bestrebt bin ... wie es auch nicht ein sekundiges Glück, nach dem man seit Jahren schon jagt, sein kann, sondern das Stück Ruhe, die Atemfrequenz, mit der ich mein restliches Leben möglichst ohne Infarkt und sonstigen Ärger verbringen könnte. So klein sind meine Wünsche geworden, daß ich sie in den Schatten einiger Sachfragen stelle; und die Visionen meiner archäologistischen Gedanken zerbrechen dabei vor meinem bandkeramischen Auge und lehnen sich in die vorhergehenden Epochen zurück, verrauchen über den Schädelnestern von Ofnet und Hohlenstein-Stadel ... oder sie legen sich als gemagerter Tonwulst um meinen Hals, und ich sehe mich, auf einem zufällig prähistorischen Holzschnitt vielleicht, in einem Zögern erstarrt ... und, zurückgeworfen, als Fußabdruck im Lehm, im Gegenüber der Wände und Decken einer spät-magdalénienzeitlichen Höhle; und von den heranflutenden Ären am Ende der Zwischeneiszeit, in der wir leben, für immer verwischt. Sonst passiert wirklich nicht viel. Die Tage vergehn im Mattglanz verbleiter Erschöpfung.
4 - Früher glaubte ich, wenn ein Unglück mich einmal getroffen hätte, daß mit jenem Unglück ein Bewenden wäre und das übrige Leben von nun an gerechter. Das würde das wirkliche Leben sein, dachte ich damals, nachdem man die Zeiten des Unbills hat ausstehen müssen. Indes häufen sich die Unfälle und Mißverständnisse in meinem Leben, und ich weiß nun, daß die periodisch auftretenden Erwartungsverzerrungen nurmehr äußere Unglücke sein dürften ... und ich ahne inzwischen, daß nur ein Unglück mich traf und das ein einziges Mal. Dieses Nicht-Glück, das mir vorbehalten ist, ist das Leben selbst und die Gestalt aller Mißverständnisse der Kindheit; und die Augenblicke des Glücks, die mir beschieden waren, erscheinen mir manchmal als aufblitzender Lichtstreif in einer Nacht aus metallenem Unglück. Daß die Gestalt sich aufgelöst hat, löst leider meine Lage nicht auf ... Ich will nicht larmoyant sein. Ich ziehe mich zurück, um das auszuhalten. Aber das Unglück hat mich stetig verfolgt; vielleicht ist es gerecht so und völlig normal, daß es mich von Zeit zu Zeit trifft. Dann würde es mich immer wiederfinden, ich könnte mich in der tiefsten Katakombe verbergen. Man entwickelt vielleicht Mechanismen; und überdies sollte ich atmen und froh sein darüber, daß mir der Stift in solch einer Zeit, und: zwischen zwei äußeren Unglücken vielleicht, einigermaßen gehorcht.
5 - Oft ist es so, daß ich, sobald ich in die Nähe dessen gelange, daß ich etwas preisgeben soll, wirklich preisgeben soll von meiner Person, beginne, teuflische Haken zu schlagen ... Haken, die mir niemand mehr zutraut, der meinen Leib betrachtet, keiner mehr andichten will, inzwischen. Weil ich aus dem Spiel bin längst und meine Verstellung verlernen könnte; und offen gehn; die Verstellung, die mich einst schützte und trug. Schützte und trug ... und jetzt fürchte ich gar, mir ist die Riefung abhanden gekommen, als ich die Zierbengelei auf mich genommen habe, Verheißung und Realität zu einem zu verknüpfen, das hätte mein Leben sein sollen. Auch ich habe einige Jahre der Verheißung geglaubt ... Nein, aber wenn die Sprache auf mich kommt und also eintritt, was ich immer ersehnte, funktioniert die Verstellung auch roh, ohne die schützende Haut, und ich behelfe mir derart, daß ich in weiblicher Gegenwart den Verlegenen spiele und in männlicher Anwesenheit mit den bärtigen Charme des getarnten Weichlings kokettiere. Oder ich beeile mich, in meinen Schränken ein Buch dringend zu suchen ... und ergreife das nächste beste. Im Glücksfall lobe ich dann die gepunkteten Pferde von Pech-Merle oder die zeitweilige Gabe des Dichter-Geheimrats, den Hexameter zu leben ... und ich lobe oft auch oberflächlich und schnell, um keinen Satz über, keine Entsprechung für mich finden zu müssen. Ich gebe mich den Ermüdungen des seichten Dialogs hin, weil ich taub und voller irr- sinniger Angst bin; jede Drohung des Alltags erscheint mir noch maßlos ... aber ich arbeite zugleich blindwütend an meinen Glät- tungsmechanismen ... Früher habe ich mich vor dem Teufel gefürchtet, heute ängstigen mich nur noch seine Ableger in der Wirklichkeit. Ich will und kann nicht mutig und wahrhaftig sein und schlage, wenn ich ehrlich und hilfreich sein soll, Haken wie ein gebrannter Belialsbraten. Wie gesagt, ich bin auf der Suche nach Ruhe und Atem und Lust am Erleben ... Und es sind die Tage, an denen ich schaudernd erahne, daß die Opfergrotten der Alten Orte gewesen sein müssen, um sich von all dem zu befreien; und von den Lasten der Biografie losgesprochen zu sein und sich nicht mehr ergehen zu müssen im Schildern seiner traurigsten Lügen.
6 - Vor einem Jahrzwölft schwängerte ich zum ersten Mal eine Frau. Ich betone das, weil ich im Gegensatz zu ihrem Status an verrückter Erwachsenheit ein blutiger Anfänger war. Ich hatte im Jahr zuvor ein Mädchen in Moskau geküßt und in einem frühen Schampanskoje-Rausch ihre Brüste gestreichelt, doch ich wagte mir am Morgen nicht, diesem Mädchen, das ich wirklich begehrte, in die Augen zu sehen. Ich war also früh enttäuscht, aber ich war noch voller - wenn auch schon schwarzgeränderter - Illusionen und damit nicht zum Viertel so einsam wie die Frau, für die der Göttertag, wenn es ihn gibt, beschlossen hatte, daß ich sie schwängern würde. Das hat sich ja nunmehr geändert, weil ich ein Gespinstjäger bin; unsere nächtliche Zusammenkunft jedoch, die ein aus einer Flasche Orangenlikör stammender Dämon arrangierte, habe ich als mein erstes wirkliches Mal nicht vergessen. Andere Erfolge und Mißerfolge folgten dem nach, so schlief ich einmal - diesmal hatte der Dämon in einigen Sektflaschen gewohnt - mitten im Kuß ein, im Traum wohl schon auf den herrlichen Brüsten einer Mitschülerin liegend, über ihr Geschlecht mit schwerer Begierde gebeugt. Am nächsten Tag war ich immer auf der Suche nach einem in der Aufregung verlorenen Schuh oder der Erinnerung an die Peinlichkeiten, die ich mir im Zustand des Vollsuffs geleistet hatte. - Die Frau, die ich schwängern sollte, war drei Jahre älter als ich, und im Wohnheim haftete an ihr der Ruch der Rebellin. Der Stoppelschnitt ihres Kopfhaars stritt sich mit den wilden Wölbungen ihres Leibs; über den Brüsten trug sie die fingerlangen Narben eines Sportunfalls, von ihnen ging ein ebenfalls animalischer Reiz aus. Ich war leider sehr betrunken, um mit allen Sinnen zu fühlen; es war ein hastiger Akt, sofern ich mich erinnere, der sich auf der Bauchhaut eines geschlachteten Mammuts in einer sibirischen, zugigen Fellhütte zugetragen haben könnte: die Hütte war der Körper des Mädchens, denn dafür hielt ich das Wesen nun doch, während meine Glieder wie auf dem Vorplatz, neben einem erlö- schenden Feuer, lagen und froren. Als ich kam, war ich wohl mit dem Wärmen dieser Glieder befaßt und nicht wirklich dabei, denn ich bemerkte danach erst, daß mich die Bewegungen des Mädchens die ganze Zeit trugen. Ich ritt durch die Kältesteppe, und über ihr lag der betäubende Duft von Rauch und Orange. Wir schliefen noch einmal, in einem noch unglücklicheren Rausch, miteinander. Was ich sagen wollte, ist: es hat auch andere Tage gegeben, aber es ist mir, wie Sie sehen, bis heute nicht möglich, etwas Wirkliches, Festes darüber zu schreiben. Das Kind indes konnte sie aufgrund ihrer unfallbedingten Gefährdungen nicht behalten. Ich bin lange davon beeindruckt und zugleich bestürzt und erschreckt gewesen, daß man seiner Verpflichtung, wenn sie in den Augen anderer ein früher faux-pas war, zur Warnung ein- mal wird entsagen dürfen. Den Verlust meines erstgezeugten Kinds habe ich später, in den Jahren, da ich nahezu unglaublich viel trank, bedauert, auch wenn ich wußte, daß ich mit seiner Mut- ter nicht hätte leben können. Eine Zeitlang habe ich es mit dem zwanghaften und Depressionen erregenden Aufräumen oder besser Phantomaufräumen meiner Lebensumstände versucht.
7 - Jetzt erst, nachdem ich in einem aufgeräumten, sortierten Schreib- zimmer sitze, merke ich, wie mir die Beflüglung durch das Chaos, das wirre Gemisch der Utensilien auf meinen Arbeitsflächen, fehlt. Ich bin, wenn ich das für mich in Anspruch nehmen kann, ein Schöpfender aus dem Durcheinander. Ordnung besiegelt meine Sinnlichkeit und Kreativität. Letztlich bildet die Ordnung auch meine Unfähigkeit immer stärker heraus, mir eine kreative Unordnung wieder herzurichten. Ich bin also verloren, wenn ich nicht begreife, daß das allergrößte Chaos, das mich noch treffen kann, in mir ruht, ich selbst bin das Durcheinander, an das sich meine Kreativität klammern müßte. Aber die ist durch die Aufgeräumtheit meines neuerlich eben sortierten Arbeitsplatzes befangen, aufgrund der Unaufgeräumtheit in mir bleibt ihr nurmehr, den Blick aufs Äußere zu verlagern ... Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe das Durcheinander nicht. Aber wie es einem Herzkranken nicht erspart werden kann, sein Leben, bei aller Abscheu vor der Chemie, durch das Schlucken bestimmter Salze zu sichern, so wird mir immer klarer, daß, weil mein Leben ein scheinbar unendliches Chaos ist, ich dieses Chaos auch im Voraus, in der Zukunft benötigen werde und an der Schnittstelle zwischen Gegenwärtigem und Zukunft, wo sich der Prozeß der Kreativität abspielt, sowieso. Die Option für mein Leben, wenn es sich aufgrund einiger schwer fassbarer Träume erfüllen soll, wird also das Durcheinander bleiben und die Notwendigkeit, nach den Mühen des Sortierens mein Skriptorium in einer viel größeren Kraftanstrengung erneut zu verwüsten, um dem unglücklichen Unglück der Sprachlosigkeit zu entrinnen und damit in ein unglückliches Glück einer wenigstens halbwegs entflammten Kreativität zu gelangen ... um die Arbeit, das Waidwerk am Selbst, wiederaufnehmen zu können. Einmal, wenn ich der Anstrengung der Neu-Verwüstung aus Konditionsschwäche oder Ratlosigkeit überdrüssig geworden bin, werde ich wieder beginnen, meine Schreibtische aufzuräumen, ich weiß. Aber das Chaos in mir, meinem Fleisch, meinem Gehirn, werde ich natürlich auch dann nicht bezwingen, was eine vielleicht ersehnte Reglosigkeit zur Folge hätte ... eine Aussicht auf Nichterfüllung, die mich bedrückt und Hoffnung fassen läßt zugleich.
8 - Vor einigen Jahren, als es mich zum Schreiben noch hinzwang, war mir noch nicht bewußt, daß sich mit der scheinbaren Entlastung des Drucks, dem orgiastischen Anfertigen von Texten, in meinen gehetzten Gedanken - als trauriger Vermittler für meine unaufklärlichen Emotionen? - der eine oder andere halb gewagte Schnitzer einfand: einmal ein Fehler in der letztgültigen Logik, andere Male eine in grammatikalischer Hinsicht auch bei größerer Nachsicht schon unzulässige Wortfeldverdrehung. Für die neun Bewunderer meiner Arbeit ist diese Schwäche womöglich das Zünglein an der Waage, die sich dem Abgrund, an mich zu glauben, zuneigt. Sie halten mich vielleicht für einen bedeutsamen Schreiber. Für meine zehn Ablehner ist es der Beweis meiner Unfähigkeit, wenn sich ein zu offensichtliches Versehen in die Öffentlichkeit wagt; und der Legion derer, denen es egal ist, ist es egal. - Heute, nunmehr, nachdem der Schreibzwang, aus pragmatischen Gründen oder vielmehr aus Anlaß meiner inzwischen aufzunehmenden Verantwortungen und - Lebensgeschäfte, sich der Illu- sion annähert; heute fürchte ich, daß mein Schreiben aus der dekadenten Ziseliererei, in die es geraten ist, dem kränklichen Atem des Stammlers, kurz: dem feinst-ziselierten Mahlstrom des fin de siècle nicht mehr herauskommt. Logische Fehler beseitige ich jetzt, indem ich sie mit einem Wust an Bildungsballast umgebe - einer Pollution gebildeter Schönheit; die grammatikalischen überschmücke ich bis zur Unkenntlichkeit, bis sie dem geopferten Kalb einer jeglichen Postpostmoderne - welch arrogantes Wort für unsere katastrophische Zeit - gleichen ... oder ich suche sie von Anfang an zu vermeiden. Ich tue das halbbewußt, aber es treibt mich darunter der vorsichtige Blick des Pseudo-Gewieften. Und ich fertige dabei diese verkrampften Pamphlete, innere, innerliche Abris, die mich von meiner Aufgabe, die keiner, auch der beste und interessierteste Philologe nicht, kennt, nur abhalten können. Dies ist mir möglich, weil ich inzwischen meine Fehler intuitiv erkenne, und weil mir die Hitze des Schreibens entkommen ist und eingetauscht gegen die Konkordanz des überlegt-schwermütigen Grüblers; ich bin der nur äußerlichen Noblesse meiner Zeit erlegen, nach allen Vorkehrungen und Rebellionsbeschwichtigungen. - Daß ich meine alten Fehler, wo ich kann, vermeide, wird die neun Bewunderer meines Werks vielleicht ins Lager der Ablehner treiben und deren Zahl, schon weil meine Seele arithmetisch nicht begabt ist, verdoppeln, das ist so sicher, wie es dem Heer der Egalitären noch immer egal ist. Ich hätte bei meinen Fehlern bleiben sollen, wofür ich sie niemals als solche hätte erkennen dürfen. Aber wie sagt man einem gerade Erwachten, daß er besser noch schliefe. Ich kann dieses Dilemma nur weiter forcieren, denn es zu korrigieren, dafür reicht mein Bewußtsein nicht aus. Ich bin also in meiner Per- fektionswut ein unperfektes Wesen, ein Schreiber, der mit den Be- griffen des Altertums spielt. Am deutlichsten sieht man sich in dieser Tatsache bestätigt, wenn man sich die Künstlichkeit dieser Begriffe, da sie aus der Hilflosigkeit unserer Zeit gekürt sind, einmal vorhält. Kleine Wörter für das, was uns ausmacht - und was wir vergessen haben, während die gleichen Fehler seit Jahrtausenden geschehn und geschehn, und wir die seit Jahrtausenden gleichen Riten aufnehmen, um sie zu vertuschen.
9 - In einem Zustand, in dem ich für mein lyrisches Heil schon keinen Ausweg mehr hoffte, schrieb ich den Text Pylon, eins: ein Gedicht, das in abgetrennte Zeilen gehört, für das ich aber bis heute keinen mich auch ästhetisch befriedigenden Zeilenfall gefunden habe. Allein, im Brüllboot meiner koketten Entfremdung, wächst mir ein Gotte haar auf, während der Mondfisch meinen Händen für immer entspringt. Für einen Text - er liegt zwischen den manischen und den obszön-pindarischen Versuchen - der an sich klingt, keine Zeilen finden zu können, scheint mir den Zustand meiner eigentlichen Versprengung, meines Dazwischen-Seins in merkwürdiger Weise zu beschreiben. Ich gehöre vielleicht nicht einmal der Randgruppe, die ich bilde, noch an. Wahrscheinlich bin ich so schon auf dem Rückzug, auf der Suche nach einer Art Geborgenheit, in der sich mir das Schreiben verunmöglicht. Ich sollte dann beginnen können, mein Schreiben nach und nach aufzugeben. Aber so bin ich. Ich schreibe weiter. Ich bin nicht angekommen. Ich mache die Menschen traurig. Verfehle das Muster. Die Zeilenabsprünge gelingen nicht mehr. Meine raren Bewunderer wird das betreffen, während die sich vielleicht mehrende Schar meiner Ablehner bestätigend die Sortierhände reibt. Mein Abri wird, ist zu fürchten, eine zerbrechliche Halbhöhle sein, eine Einsamkeitspyramide aus Glas, in der ich einst, getrennt von allen Dingen, die mir noch lieb sind, schreiben werde: ... wieviele Jahre es her ist, daß ich hier sitze, auf meinem stachligen Stuhl, kristallenem Trohn, werde ich niemals begreifen, denn es beherrscht mich die Angst vor dem Schmerz der Scherben bei jeder Bewegung. Raschelnde Stille umgibt mich, wenn nicht der Wind oder das kahle Licht gegen die Scheiben meiner Behausung brechen, knisterndes Nichts, das sich nur ablenkt durch klirrendes Wachstum, gläserne Flora jenseits der Grenze. Ein schillernder Bär schleckt krachend Honigtrauben, und wilde Bienen, kleine, akkurat geschliffene Kanülen gefüllt mit wogendem Glas, toben den schwirrenden Tanz der Ohnmacht. Ohnmacht ist das Gefühl, das mich am Sitz hält, Ohnmacht, gänzlich ausgeschlossen zu sein aus dieser Schönheit, ausgeschlossen von diesem knirschenden Leben. Aber auch Hoffnung, denn wenn ich versucht bin, mich doch zu regen, merke ich das zunehmende Verglasen meiner Arme, die Erfüllung meines Wartens, das endliche Erfrieren meines, und nutzlos, schreibenden Fingers ... Und es wird sich darin die alte Erkenntnis verbergen, daß sich die anbrandende Welt nicht aufhalten läßt; und sie wird mein kärgliches Pelzdach von den Steinrücken reißen und meine Ockerzeichen verwischen und mir ein Rötelbett richten, in dem ich mich für die nächsten Millennien mit meinen Mikrolithen zanke. Oder: ich verberge den Windschutz im eigenen Leib und werde mein eigenes Biotop begründen, unabhängig von Glas und Stein und Glück und Rötel. Ich bin noch unentschlossen, denn auch die Bücher, große pelzzottige Leiber aus Wissen, verweigern die Antwort. Auch sie nur trügende Zeugen. Mein Teil, es soll verloren gehn, so beendete eine verletzte Schamanin vor einem Dritteljahrhundert ihren Dialog mit dem Himmel. Sie wagte sich in Gedanken bis ins Sphinxalter zurück. Und fand keine Erlösung. Aber auch sie hat den Mondfisch gesehn, lange vor mir. Vielleicht hat sein Schimmer einen Moment ihren Abyss erleuchtet. Sie ist leider in ihrem Glashaus verbrannt.
 
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